Flight Attendant bei der Swissair.

Möglichst viel von der Welt mit der Swissair kennen zu lernen war eine Vision, um nicht zu sagen eine Obsession von mir seit meinem elften Lebensjahr. Mein Onkel hat mir das Fliegervirus übertragen. Von seinen Schilderungen als Steward bei der Swissair aus arabischen Nächten in der Wüste oder Restaurantbesuchen hoch oben in den Wolkenkratzern von Nordamerika war ich derart begeistert, dass ich als Elfjähriger 1970 beschloss, eines Tages ebenfalls als Steward die Welt zu erobern. In den nachfolgenden Jahren erlebte ich meine schönsten Schulferien jeweils als Fahrradfahrer in Bülach bei meinen Grosseltern. Jeden Tag fuhr ich zum Flughafen Zürich zur damaligen Aussichtsterrasse, von welcher man noch ungehinderten Blick auf den Tarmac hatte. Die beiden Terminals waren noch nicht gebaut. Buchstäblich stundenlang stand ich auf dieser Terrasse und sog begierig den Kerosinduft der weiten Welt ein.

Chicago 1984 - Palmer House Hotel
Mein Eintritt als Steward begann im Jahre 1982. Der Arbeitsweg zum Flughafen erfolgte meist mit dem eigenen Auto (nicht mehr mit dem Velo), da der Flughafen noch nicht an das Zugnetz angeschlossen war und die öffentlichen Verkehrsmittel spärlich fuhren, mit Ausnahme von Direktkursen vom Hauptbahnhof  Zürich und Winterthur. Wir parkten damals unsere Privatwagen beim heutigen Parkhaus 5 und wurden mit einem Swissair-Personalbus zum alten Creweingang gefahren.
Nach der eleganten Vorfahrt hiefte die Besatzung ihre Koffer selber aus dem Busanhänger und begab sich die paar Stufen ins Gebäude Dort war auch das Crew-Control  beheimatet mit strengen Damen (und Herren), welche uns Cabin Crews  bei Unregelmässigkeiten oder Verspätungen schnell die Leviten lasen. In einer Ecke des Crew Controls befand sich auch die Niederlassung der UBS Zürich, wo man noch schnell Geld wechseln konnte. Das gemeinsame Briefing der Cabin Crew, meist im Stehen an hohen Pulten in einem der kleinen Räume, unter der Leitung des jeweils Dienstältesten, musste von jedem einzelnen sehr gut vorbereitet werden, denn man wusste im voraus nie, ob man das Briefing selber zu leiten hatte oder nicht. Vor der Abfahrt konnte man im ersten Stock in einem bedienten und eine unbedienten Personalrestaurant einen Kaffe trinken. So manche letzte Rotation eines Crew Members endete in einem separaten Raum, wo um 10 oder 11 Uhr morgens bei einer kalten Platte Fleisch und einem Glas Rotwein Abschied gefeiert wurde – manchmal bis in den Nachmittag hinein.
Etwa eine Stunde vor Take Off (Europa-Destinationen) besammelte man sich beim berühmten (Holz)-Bänkli und nachher ging’s ohne grosse Formalitäten am schweizerischen Zollschalter vorbei mit dem Crew-Bus zum jeweiligen Flugzeug.

Ich bin dankbar, dass ich eine Zeit erleben durfte, als die Swissair in der Welt als die Schweizer Vorzeigefirma galt und jeder Schweizer bei der Anfahrt zu irgendeinem Flughafen im Kongo oder in Buenos Aires ein Stück Heimat erlebte, wenn er das Flugzeug sah. So wenigstens haben es mir Dutzende von Passagieren (Alte und Junge, Reiche und Arme, Interessante und Langweiler) erzahlt, wenn wir sie an Bord willkommen geheissen, sie an ihre Plätze geleitet und sie sich im Sitz installiert hatten.
Wir waren stolz, für die Swissair arbeiten zu können. Wir fühlten uns als grosse Familie, allerdings verstreut über die ganze Welt. Ich habe Freundschaften gepflegt mit Swissairpersonal auf der ganzen Welt. In Erinnerung bleibt mir zum Beispiel der Mann aus der Romandie. Er war Stationsmanager in Moskau, als wir MD80-Besatzungen jeweils zwei Tage SVO-Layover hatten. Ein Aufenthalt in Moskau vor dem Fall des Eisernen Vorhanges war damals noch eine Besonderheit und wir Flight Attendants mussten unsere Einwilligung dafür  geben sowie ein spezielles Visum im Pass haben, um diese Flüge absolvieren zu können. Sie waren nicht besonders beliebt bei der Mehrheit, war doch der Aufenthalt meist nicht so luxuriös wie in anderen Ländern. Im Hotel National, ein paar Gehminuten vom Roten Platz entfernt, waren die Zimmer wohl gross, meist aber karg eingerichtet und zum Nachtessen blieb oft nur noch Gurkensalat mit Kaviar und Krimsekt übrig. Dies war genau das Richtige für mich, da beinahe jedes Mal etwas Aussergewöhnliches passierte. Einmal wurde mein Crew- Koffer schon bei der Zwischenlandung in Warschau ausgeladen und ich durfte sechs Stunden alleine am Flughafen Sheremetjevo warten. Als der Koffer dann endlich mit der LOT angekommen war, musste ich mit einer Privatperson in die Innenstadt fahren, da die Taxifahrer nirgends aufzutreiben waren. Der freundliche Russe bot mir unterwegs Vodka an. Ich konnte (natürlich) nicht ablehnen und da er einige Brocken Deutsch konnte, erzählte er mir seine Lebensgeschichte und zeigte mir noch den Ort, wo die Deutschen im Zweiten Weltkrieg ihren Vormarsch stoppen mussten. Ein anderes Kapitel waren die Begegnungen mit jungen Leuten aus der DDR, die uns anflehten, doch den ersten Brief zu schreiben, da sie dann auch antworten durften ohne in Verdacht zu geraten, Kontakt mit dem Westen zu suchen. Ausländer wurden in Moskau, falls erkannt, sofort um „Westware“ angegangen. T-Shirts, Jeans oder Brieffreundschaften aus dem Westen waren gesucht. Unvergesslich bleiben mir auch die Jahre später die Tage in Moskau, als Boris Jelzin auf dem Panzer stand, gegen den damaligen KPDSU-Chef Michail Gorbatchev wetterte, live übertragen in die ganze Welt, und Russland ihn kurz danach als Nachfolger von Gorbatchev als Präsident von Russland wählte. Wir, die Swissair-Crew auf einem Linienflug von Fernost nach Hause, hatten ein paar Tage später eine Übernachtung in Moskau, wo überall noch Lagerfeuer der „Aufständischen“ in den Strassen brannten und eine gespannte Atmosphäre herrschte. Wir spazierten vorbei an verdreckten, aber beseelten russischen Demonstranten, welche immer noch die Plätze und Strassen beherrschten.
Verschiedene Momente an  Bord der Flugzeuge bleiben ebenfalls haften; die Guten wie die Schlechten. Als Sportler musste ich eines Tages einen renitenten Passagier von einem „Besuch“ im Cockpit abzuhalten. Damals waren die Cockpittüren noch nicht verriegelt. Der Passagier war stark betrunken und wollte an mir vorbei ins Cockpit, „denen da vorne mal die Meinung zu sagen“. Als Flight Attendant in der First Class DC10 war ich alleine on duty und konnte ihn nur mit reiner Körperkraft und nach einem Handgemenge von seinem Vorsatz abhalten. Die restliche Crew war am Ausruhen, da wir uns auf einem Nachtflug befanden. Auf diesem Flug, es war von Caracas nach Zürich, waren auch keine Polizeibeamten („Tigers“) an Bord. Diese sogenannten Tiger waren auf bestimmten Strecken zur zusätzlichen Sicherheit von Passagieren und Besatzung an Bord. Besagter Passagier kam später für eine Zeit in Haft und anschliessend in psychiatrische Behandlung. Nicht auszudenken, was passiert wäre, hätte ich ihn nicht aufgehalten.
Eine andere Geschichte anlässlich eines Damascus-Nightstops. Auf der Fahrt durch das morgendliche Damascus fuhr der Hotelbus-Chauffeur einen Jugendlichen an, der sich törichterweise zu Fuss über die Stadtautobahn wagte – bei unsäglich dichtem Morgenverkehr und hohem Tempo der Fahrzeuge. Es vergingen nur wenige Minuten und der Junge war von einem privaten Autolenker eingeladen und weggefahren worden – ins Spital, wie wir hofften. Sofort bildete sich eine aufgebrachte Menschentraube, welche „unserem“ Chauffeur die Schuld geben wollte und ihn auf der Stelle lynchen wollte. Nur mit vereinten Kräften konnten wir den unserer Meinung nach unschuldigen Mann in den Bus retten und die Türen schliessen. Eine Polizeipatrouille hat uns schliesslich alle befreut und uns Swissairler auf den Flughafen begleitet, wo die Passagiere im Flugzeug schon auf uns warteten.

September 1990 - Far East im Jumbo mit Kollegin

Sommer 1992 - Hollywood Hills, Kalifornien

Für unsere weiblichen Flight Attendants war Saudi Arabien in den Achtzigerjahren ein anstrengendes Pflaster. Die weiblichen Wesen konnten ohne den schwarzen, das Gesicht und den Körpger verhüllenden Schleier (Tschador) nicht aus dem Flugzeug steigen. Ebenso war der Konsum von Alkohol für alle verboten. Wir Männer konnten den ganzen Tag am Hotelpool faulenzen, was den Frauen „natürlich“ verwehrt war. Erst später hat die Swissair ein Abkommen mit der damaligen BBC geschlossen, um in deren grossen Baustellencamps in der Wüste ein einigermassen normales Leben führen zu können, wenigstens tagsüber. Diese Camps waren Enklaven in der Wüste, wo nur Nicht-Saudis zugelassen waren und die Sitten „westlich“ waren. Weitere schlechte Erlebnisse sprudeln heraus: Überfall am Strand von Dar es Salaam (Tansania): zwei Jugendliche mit einem riesigen rostigen Fleischermesser, Bestandesaufnahme auf dem lokalen Polizeiposten mit Aufenthalt im dortigen Gefängnis – „wie im Film“) Mehrfache Überfälle in Rio de Janeiro- fast schon Klassiker des Leichtsinns.

Die schönen Erlebnisse bleiben interessanterweise weniger haften, obwohl sie massgeblich zum guten Erleben der ganzen Fliegerzeit beigetragen haben. Die Aufenthalte waren länger, zum Beispiel siebentägige Layovers in Bangkok, Rio, Atlanta, Colombo, Tokyo und an anderen Orten, welche wir weidlich zu ausgedehnten Ausflügen ins Landesinnere benutzten. Der Japan-Layover war für mich als Bonsailiebhaber immer ein besonderer Leckerbissen. Obwohl ich der Zeitverschiebung wegen immer schlecht schlief, waren die Ausflüge nach Omiya bei Tokyo wunderbare Erholung. Dort wurden vor dem Zweiten Weltkrieg alle japanischen Bonsaigärten angesiedelt. Noch heute sind in Omjya viele Bonsaigärten und -schulen zu finden.

Mitte der Neunziger Jahre verliess ich die Swissair mit zwei lachenden Augen und einem weinenden Herzen. Die Fliegerei ist ein Virus – und hält mich immer noch gepackt.

Rolf Wirth, St.Gallen.


Geflogene Flugzeugtypen:

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